Einstimmung

Alles, aber wirklich alles schmeckt nach Salz.

Es war so ein kleiner, ein banaler Gedankengang, der sich mit einem Mal derart überwältigend in seine Überlegungen bohrte, dass er in der Arbeit innehalten musste. Und wo er sich gerade noch gedankenverloren die von der Meeresluft spröde gewordenen Lippen mit der Zungenspitze angefeuchtet hatte, tat er es jetzt noch einmal. Im vollen Bewusstsein dessen, was er da schmeckte. Salz. Das, was auf seinen Lippen brannte, seit dem ersten Tag, seitdem er an Bord dieses Schiffes gekommen war. Nicht auf einen Befehl hin, sondern aus eigenem tiefen Wunsch heraus. Davon beseelt, den Krieg dorthin tragen zu können, wo der Feind sich noch sicher wähnte. Ein gefährliches Unterfangen, sicherlich. Vielleicht wahnwitzig, wie jene es zornig genannt hatten, die zurückgeblieben waren. Aber er, er hatte nicht eine Sekunde lang gezögert. Zu groß der Wunsch nach Vergeltung, zu brennend die Hoffnung darauf, endlich etwas tun zu können, was das Kriegsglück wenden könnte. Zu stark das Vertrauen in jene, die ihn gerufen hatten und jene, die dem Ruf mit ihm gefolgt waren. Vielleicht war es also gar nicht so schlimm, dass alles nach Salz schmeckte. Vielleicht war das der Geschmack des Sieges, der auf sie wartete, dort, hinter dem Horizont, wenn sie endlich Land erblicken würden…

Ihre Lippen kräuselten sich zu einem überlegenen Lächeln. Sicher, sie sollten nicht überheblich sein, hatte man ihr gesagt. Hatte man all jenen gesagt, die sich freiwillig für die Vorhut gemeldet hatten. Und obgleich sie alle versprochen hatten, nicht in diese Falle zu treten, konnte sie die vibrierende Ungeduld, die zwischen ihren Begleitern hin und her sprang, wie Funken aus einem Feuer, fast mit den Händen greifen. Sie hatten alle gewartet, so lange hatten sie gewartet. Und jene, die Teil der ersten Truppen hatten sein dürfen, hatten von großen Siegen berichtet. Davon, wie sie jene, die es gewagt hatten, sich dieses Land Untertan machen zu wollen, in den Staub getreten hatten. Warum also nicht überheblich sein? Der Sieg, der auf jener Insel errungen worden war, würde hier erneut stattfinden. Nur größer. Vollkommener. Weil sie nichts, absolut nichts von ihnen übriglassen würden, außer ihrem Blut, dass…
Als könnte sie es schon schmecken, legte sich der charakteristische, metallene Geschmack mit einem Mal auf ihre Zunge. Sie hob die Hand, blinzelte verwirrt, fuhr sich über die Lippen. Und lachte dann auf, als hätte es einen Scherz gegeben, den einzig und allein sie verstand. Sie, die sich vor Aufregung über das, was auf sie zukam, selbst die Unterlippe aufgebissen hatte. Sie, auf deren Zunge nun der verheißungsvolle Geschmack von Blut lag, wie ein Bote der Zukunft, ein Versprechen der Welt, dass das, was sie sich so sehr wünschte, bald Gestalt annehmen würde. Wenn nur der Nebel sich öffnen würde, wenn der Stahl von Tod und Vernichtung singen würde und das, was sie schmeckte, nicht mehr ihr eigenes Blut war…